Ergebnisse der Zuchtwertschätzung für das Deutsche Sportpferd 2010
Verbandsinterne Zuchtwertschätzung 2010
1. Mitteilung: Grundlagen der Schätzung und Top-Stuten 2010
Die Population des Deutschen Sportpferdes wird seit 2003 in einem gemeinsamen Ursprungszuchtbuch in Verantwortung der Pferdezuchtverbände Sachsen-Thüringen und Brandenburg-Anhalt geführt. Die Zuchtarbeit basiert auf einem modernen Zuchtprogramm und einer soliden Stutenbasis. Mit der Entwicklung und Implementierung der verbandsinternen Zuchtwertschätzung konnte ein wertvolles Instrument für die Zuchtarbeit hinzugewonnen werden.
Erläuterungen zum Schätzsystem
Seit 2008 findet eine routinemäßige Schätzung statt und liefert ergänzend zur Integrierten Zuchtwertschätzung der FN Informationen zur Veranlagung von Pferden in den Bereichen Dressur, Springen und Exterieur. Dabei wird auf eine andere Datenbasis zurückgegriffen als dies bei der sehr sportorientierten Integrierten Zuchtwertschätzung der Fall ist. So findet zwar in beiden Schätzverfahren die Stutenleistungsprüfung Berücksichtigung, zusätzlich werden jedoch im verbandsinternen System die Informationen der Stutbuchaufnahme und Fohlenbeurteilung hinzugezogen. Diese damit in die Zuchtwertschätzung einfließenden Daten haben den Vorteil, dass sie zum Einen sehr früh im Leben des Tieres anfallen und zum Anderen aus einem eng verknüpften Tiermaterial stammen.
So gehen Pferde in das Material ein, die gleichzeitig über Informationen aus zwei oder drei der Leistungserhebungen verfügen, wodurch die drei Prüfungsformen rechnerisch gut miteinander verknüpft sind. Gleichzeitig werden ausschließlich Leistungsfeststellungen aus den beiden Zuchtverbänden berücksichtigt, weshalb für das Schätzverfahren die exakt für die Population des Deutschen Sportpferdes berechneten, genetischen Parameter zugrunde gelegt werden.
Der Gewinn, der sich daraus für die praktische Zuchtarbeit ergibt, ist, dass nun auch für einen großen Teil der Stuten Zuchtwerte veröffentlicht werden können. So lassen sich einerseits leistungsstarke Stutenstämme und Familien ermitteln. Andererseits kann im Hinblick auf die Anpaarungsplanung Aufschluss über die individuellen Stärken und Schwächen der Tiere erlangt und damit eine Entscheidungshilfe gewonnen werden.
Für die Zuchtwertschätzung des Jahres 2010 wurden alle Leistungserhebungen berücksichtigt, die im Zeitraum von 1990 bis 2010 (Stichtag 30. 9. 2010) in den Prüfungsformen Fohlenbeurteilung, Stutbuchaufnahme und Stutenleistungsprüfung erhoben wurden. Neben diesen Leistungsinformationen kommt als zweite Komponente das gesamte verfügbare Pedigree hinzu. Es erfolgt eine Verknüpfung der Verwandtschafts- und Leistungsdaten innerhalb der sogenannten BLUP-Zuchtwertschätzung. Die verwendeten genetischen Parameter und Schätzmodelle waren zuvor bereits in den Forschungsuntersuchungen eines Mehrländerprojektes (Partner: Zuchtverbände, MLU Halle) ermittelt worden.
Struktur der Zuchtwerte
Aus der Schätzung resultieren Zuchtwerte für jedes Einzelmerkmal aus den drei genannten Prüfungsformen – also insgesamt 22 Zuchtwerte pro Pferd. Diese Zuchtwerte werden auf ein Mittel von 100 und eine Standardabweichung von 20 standardisiert und zu den Gesamtzuchtwerten Springen, Dressur und Exterieur verrechnet. Deren Struktur ist in Abbildung 1 schematisch dargestellt. Der Gesamtzuchtwert Springen ergibt sich zu 80 % aus dem Einzelzuchtwert Freispringen. Geringe Anteile tragen zudem die Werte für den Galopp bei, da hier bedeutsame genetische Korrelationen zwischen den Merkmalen zu verzeichnen sind. Der Gesamtzuchtwert Dressur setzt sich aus acht Einzelzuchtwerten zusammen, wobei hier die Grundgangarten aus Stutbuchaufnahme und Stutenleistungsprüfung als einzelne Merkmale betrachtet werden. Eine erhöhte Wichtung erfährt zudem der Einzelzuchtwert Rittigkeit (30 %). Für das Exterieur sind insgesamt elf Einzelzuchtwerte vorliegend. Hierfür werden neben dem Gesamtzuchtwert zusätzlich drei Teilzuchtwerte ermittelt (1. Typ- und Gesamterscheinung, 2. Fundament, 3. Reitpferdepoints), um diesen Merkmalskomplex noch besser zu strukturieren.
Für die Veröffentlichung eines Zuchtwertes müssen verschiedene „Sicherheitskriterien" erfüllt sein. Das bedeutet, dass ein Zuchtwert nur dann veröffentlicht wird, wenn für seine Schätzung ein Mindestmaß an Informationen zur Verfügung steht. Diese Informationen können entweder über die Eigenleistung erfüllt werden: die Stute muss dann mindestens zwei der drei Prüfungsformen selbst absolviert haben. Oder die Stute verfügt über mindestens drei Nachkommen, die in den betreffenden Prüfkomplexen vorstellig waren. So wird garantiert,
dass der Zuchtwert eine gewisse Sicherheit nicht unterschreitet. Weiterhin besteht die Festlegung, dass die Stute zum Zeitpunkt der Schätzung nicht älter als 20 Jahre sein darf.
Ergebnisse 2010
Aus der Zuchtwertschätzung 2010 erfüllten insgesamt 8.834 Stuten die genannten Kriterien, wobei für 8.834 Tiere Dressur-Zuchtwerte und für 7.693 Pferde Exterieur-Zuchtwerte geschätzt wurden. Einen Spring-Zuchtwert erhielten jedoch nur 3.767 Stuten. Dies liegt darin begründet, dass die Anzahl der Tiere, die hierfür die Auslesekriterien erfüllen, deutlich geringer ist, da ja nur 3 Merkmale Informationen zu diesem Schätzkomplex beitragen können. Ein ähnliches Phänomen zeigt sich auch in der Integrierten Zuchtwertschätzung, bei der für den Bereich Springen durchschnittlich niedrigere Sicherheiten erreicht werden als für den Bereich Dressur.
Die besten Stuten in den jeweiligen Gesamtzuchtwerten sind anhand einer Top-Liste in den Tabellen 1 bis 3 dargestellt. Die Spitzentiere erreichen Zuchtwerte von 164 (Springen), 160 (Dressur) und 151 (Exterieur), wobei die 100 besten Stuten eine Grenze von 125 im Springen, von 121 in der Dressur und von 129 im Bereich Exterieur nicht unterschreiten.
Fünf Spitzenstuten erreichen die Top30 sogar in zwei Bereichen. Die Stute Dominanz (QuattroB - Pierot II) konnte hierbei als einzige Vertreterin in beiden Disziplinen (Dressur+Springen) aufwarten. Der Sprung zur Doppel-Spitze Dressur+Exterieur gelang den Stuten Prima Ballerina (Lord Sinclair I - Gotland), Donata (Damon Hill – L‘Ombre) und Whitney (Drakdream - Adishan). Die Stute Cashira (Calido I – Lear) schaffte das Double für Springen+Exterieur.
Der enge Zusammenhang zwischen einem korrekten Exterieur und einer hohen Leistungsfähigkeit bestätigt sich ebenfalls mit Blick auf die Top-Listen. So sind in beiden Bereichen (Dressur+Springen) nur jeweils drei Stuten vertreten, die einen Exterieurzuchtwert unter 100 aufweisen. Zudem verfügen 18 der 30 Top-Springstuten neben einem sehr hohen GZW-Springen auch über überdurchschnittlich hohe Gesamtzuchtwerte für Dressur und Exterieur. Ein Blick auf die Top30 der Exterieur-Liste zeigt einen Trend zum korrekt konstruierten Dressurpferd. Liegt doch der Mittelwert über alle Top30-Stuten (Exterieur) bei 112,5 für den GZW-Dressur und bei 98,4 für den GZW-Springen.
Die Bedeutung der verwandtschaftlichen Verknüpfung für die Zuchtwertschätzung wird besonders in Tabelle 2 deutlich. Hier sind einzelne Stutenfamilien und Hengstlinien sehr häufig vertreten. Aufgrund dieser engen verwandtschaftlichen Verknüpfung liegt für die jeweiligen Tiere neben der Eigenleistung eine Vielzahl an Verwandteninformationen für die Zuchtwertschätzung vor. Dadurch wird die Schätzung der Zuchtwerte sicherer, was eine weitere Entfernung des Einzelwertes vom Mittel der Population wahrscheinlicher macht. Sehr gute, aber eben auch sehr schlechte Pferde können so besser differenziert werden als Pferde mit nur wenig vorliegenden Leistungsinformationen.
Zuchtwerte der eigenen Stute
Aus der verbandsinternen Schätzung 2010 liegen neben den hier veröffentlichten Zuchtwerten auch für all jene Stuten Zuchtwerte vor, die nicht älter als Geburtsjahrgang 1991 sind und innerhalb der Zuchtgebiete Sachsen-Thüringen oder Brandenburg-Anhalt mindestens zwei der Prüfungsformen (Fohlenbeurteilung, Stutbuchaufnahme, Stutenleistungsprüfung) selbst absolviert haben und/oder durch ihre Nachkommen in mindestens drei der Leistungsfeststellungen vertreten waren. Die entsprechenden Zuchtwerte ihrer Stuten können die Besitzer in den Geschäftsstellen der Verbände erfragen.
Detaillierte Informationen zum Verfahren der internen Zuchtwertschätzung können Sie der Schriftenreihe der LfULG, Heft 15/2011, „Zuchtwertschätzung Deutsches Sportpferd" (http://www.smul.sachsen.de/lfl/publikationen/download/5124_1.pdf) entnehmen.
Dr. Kati Schöpke und Prof. Hermann H. Swalve
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Naturwissenschaftliche Fakultät III
Institut für Agrar- und Ernährungswissenschaften
Professur für Tierzucht

